Zwischen Heimspiel und Sauerland – die Fohlenreise Westfalen-Lippe 2026

Ein Fohlen auf fremdem Platz zu beurteilen, ist das eine. Einen ganzen Jahrgang auf sieben Stationen durch eine Region zu verfolgen, ist etwas anderes. Man bekommt dabei schnell ein Gefühl dafür, wo die Zucht steht, und auch dafür, wohin sie sich bewegt.

Die Fohlenreise des IPZV Westfalen-Lippe führt 2026 von Gütersloh über Münster bis ins Sauerland. Sieben Stationen stehen auf dem Programm. Zwei davon gehören zum IPZV Münsterland: Münster-Handorf und das Gestüt Feenhöhe. Die Reise ist damit mehr als eine Aneinanderreihung einzelner Fohlenbeurteilungen. Sie bringt Züchter, Richter und Zuschauer an unterschiedliche Orte und lässt erkennen, wie verschieden die Bedingungen sein können, unter denen sich ein junger Jahrgang präsentiert. Der offizielle Terminrahmen der Fohlenreise reicht vom 28. August bis zum 13. September.

Heimspiel im Westfälischen Pferdestammbuch

Die zweite Station war für den Münsterländer Züchterkreis gewissermaßen ein Heimspiel, denn das Westfälische Pferdezentrum in Münster-Handorf ist sowohl eine etablierte Station der Fohlenprüfung als auch den Züchtern und Züchterinnen durch die Jungpferdematerialprüfung und Körung im April bekannt. Die Anlage bietet großzügige, professionelle Bedingungen. Viel Platz, professionelles Treiberteam, klare Abläufe und ein Boden, auf dem sich auch ein noch nicht ganz sortiertes Fohlen vernünftig zeigen kann. Gerade bei einer Fohlenreise ist das keine Nebensache.

In Handorf wurden 16 Fohlen vorgestellt. Acht Hengst- und acht Stutfohlen. Als Richter war Christian Rauer im Einsatz. Wer schon einige Fohlenbeurteilungen gesehen hat, weiß, wie viel an einer nachvollziehbaren Einordnung hängt. Chrisitan Rauer bewertete erfahren und transparent, sodass sich die Noten im Zusammenhang mit dem Gezeigten gut einordnen ließen.

Hengstfohlen

Bei den Hengstfohlen setzte sich Kári vom Kronenbach mit einer Gesamtnote von 8,30 an die Spitze. Der Sohn des Fannar frá Kvistum stammt aus Blika von Borgarstadur und wurde von Juliane Fels gezogen. Schon alleine die väterliche Seite macht die Anpaarung interessant.

Fannar frá Kvistum, Jahrgang 2003, ist einer jener Hengste, deren sportliche und züchterische Geschichte inzwischen weit über die eigene Generation hinausreicht. Interessant wird eine solche Hengstwahl allerdings erst, wenn man sie nicht alleine über den Namen des Vaters betrachtet. Bei Kári vom Kronenbach kommt nun mit Blika von Borgarstadur eine Mutterseite hinzu, die sich an diesem Tag besonders genau hinzusehen lohnte.

Knapp dahinter folgte Smári vom Landwehrbach mit einer Gesamtnote von 8,07. Der Sohn des Kornelius vom Lindenhof (Körungssieger Münster-Handorf 2024) und der Þrenna frá Kjarri stammt aus der noch jungen Zucht von Sophie Zurstraße, die auch die Besitzerin ist. Gerade solche Fohlen machen eine Fohlenreise spannend. Sie stehen nicht zwingend im Schatten der großen, vielfach geprüften Vererber, sondern zeigen, welche zukunftsorientierten Entscheidungen die Züchterinnen der Region aktuell treffen.

Und dann war da natürlich die Nachzucht vom Isterbergerhof. Dass die Familie Metzner in einem solchen Jahrgang nicht fehlen darf, ist klar. Die Zucht aus der Grafschaft Bentheim hat sich über viele Jahre eine eigene Handschrift erarbeitet. Als Zuchtstuten werden FIZO-geprüfte Stuten mit möglichst hohen Bewertungen, mindestens 8,0 für Tölt und/oder Charakter und Gehwille, sowie ein bergauf ausgerichtetes Gebäude eingesetzt. Das damit verbundene Zuchtziel eines Bergaufgebäude wurde mit Hófur vom Isterbergerhof zum wiederholten Male erfüllt. Das Hengstfohlen erhielt die Noten 8,20 für sein Exterieur, 8,00 Interieurund 7,90 für Gänge. Vater ist Kiljan frá Steinnesi, die Mutter Hamingja vom Isterbergerhof. Gerade die Mutterseite verdient hier einen zweiten Blick.

Hamingja wurde 2018 fünfjährig mit 8,41 FIZO-Gesamtnote geprüft, davon 8,33 für das Exterieur und 8,45 für die Reiteigenschaften. 2019 wurde sie mit 8,41 erneut geprüft, diesmal mit 8,33 Exterieur und 8,46 Reiteigenschaften, und qualifizierte sich damit für die Weltmeisterschaft in Berlin. Hamingja ist eine Tochter des Hófur frá Varmalæk aus der Hlökk vom Isterbergerhof. Ihre Tochter Hrefna vom Isterbergerhof, wiederum aus der Zucht der Familie Metzner, wurde später ebenfalls FIZO‑geprüft und geht damit eine Generation weiter in dieselbe Stutenfamilie.

Das ist der Teil einer Fohlenreise, den man auf einer Ergebnisliste kaum sieht! Die Generationen dahinter. Ein Fohlen steht eben nicht isoliert auf dem Platz. Es trägt Vater und Mutter, Großväter und Großmütter, Stutenfamilien und die Auswahlentscheidungen mehrerer Züchtergenerationen mit sich. Gerade bei etablierten Zuchten wird deshalb häufig weniger die einzelne Note interessant als die Frage, ob sich ein bestimmtes Muster wiederfindet.

Stutfohlen

Bei den acht Stutfohlen setzte sich Hildur vom Eschhuesbach aus der Zucht von Eric Winkler und Lena Trappe an die Spitze. Ihre Anpaarung von Óðinn vom Habichtswald mit Hrefna vom Isterbergerhof ist aus züchterischer Sicht besonders interessant. Hildur erhielt jeweils 8,20 für Gang, Charakter sowie Gänge und Bewegungen. Schon die Verbindung der beiden Linien lässt aufhorchen. Hrefna ist eine Tochter der Hamingja vom Isterbergerhof, jener hochgeprüften Stute, die ihre Qualität sowohl in der Zucht als auch unter dem Reiter gezeigt hat. Auch Óðinn vom Habichtswald bringt eine bemerkenswerte züchterische Vorgeschichte mit. Er ist ein Sohn des Fannar frá Kvistum und wurde 2013 als bester deutscher fünfjähriger Hengst vorgestellt. Beim Zuchtchampionat erreichte er 8,33; später folgte eine erfolgreiche Sportkarriere bis zur Weltmeisterschaft 2019 in Berlin. Dort wurden 8,87 für die Reiteigenschaften und 8,44 für das Exterieur vergeben.

Ein weiteres sehr schickes Stutfohlen aus der münsterländischen Zucht ist Jódís von Heidarleiki. Die quirlige Stute aus der Zucht von der Familie Schwonke erhielt für Interieur, Exterieur und Gänge jeweils 8,00. Ihr Vater ist Jökull frá Rauðalæk, die Mutter Helga von Heidarleiki. Auch hier zeigt sich, wie breit das Feld der Anpaarungen innerhalb einer solchen Station sein kann.

Bei den Stutfohlen wurde außerdem Yldís von Theresa Böckmann vorgestellt. Vater ist Dúx frá Egilsá; die Gesamtnote lag bei 7,95.

Die gesamte Prüfung wurde wieder von dem professionellen Filmteam begleitet. Die Videos werden in Kürze hier veröffentlicht.

Gütersloh: Auf der Feenhöhe bleibt die eigene Handschrift sichtbar

Die dritte Station führte die Fohlenreise nach Gütersloh auf das Islandpferdegestüt Feenhöhe von Regine Felsmann-Kraak. Der Hof ist kein Betrieb, der erst seit wenigen Jahren mit Islandpferden arbeitet. Seit mehr als drei Jahrzehnten gehört die Zucht mit Herzblut zum Leben der Betreiberin.

In Gütersloh wurden in diesem Jahr vier Hengstfohlen und vier Stutfohlen vorgestellt. Damit war die Gruppe überschaubar, aber keineswegs uninteressant.

Bei den Hengsten führte Rakni von der Feenhöhe das Feld an. Der noch sehr junge Braunschecke aus der Àlfasteinn-Tochter Dögun vom Wiesenhof erhielt eine Gesamtnote von 7,94. Rakni fügt sich damit in die Reihe der Nachzuchten des Ragnar vom Lindenhof ein, die schon mehrfach Bestnoten erzielt hat.

Dass Ragnar nicht nur als Name auf dem Papier interessant ist, zeigt der Blick zurück: Bei der westfälischen Fohlenbeurteilung 2022 wurde Raggi von der Feenhöhe, ebenfalls ein Sohn des Ragnar, mit 8,27 bewertet und führte damit die Hengstfohlen des Jahrgangs an. Auch in den kommenden Jahren standen Ragnar-Nachkommen weit vorn.

Das ist genau der Punkt, an dem aus einer einzelnen guten Fohlenbewertung langsam ein züchterisches Muster werden kann. Ein Hengst produziert natürlich nicht jedes Jahr das gleiche Pferd. Aber wenn sich über mehrere Jahrgänge Typ, Gangveranlagung und bestimmte Exterieureigenschaften wiederfinden, wird die Sache für den Züchter interessant.

Ein echter Blickfang ist Ívi von der Feenhöhe. Regine Felsmann-Kraak stellte den auffallend weißen Hengst vor, der mit 7,92 bewertet wurde. Vater ist unverkennbar Indy vom Recherbusch der für Ívis interessante Farbgebung (Maximum White) und seinen mutigen Charakter verantwortlich ist. Seine Mutter Fluga von der Feenhöhe bringt das nötige Temperament und die Bewegung mit ins Spiel.

Auch Fluga selbst ist keine zufällige Komponente dieser Anpaarung. Sie stammt aus Flugsael vom Vindstaðir und Ragnar vom Lindenhof (Álfur frá Selfossi) und wurde bereits vor einigen Jahren als großrahmiges, gangstarkes Stutfohlen mit viel Tölt und ausdrucksstarken Bewegungen vorgestellt (Gesamnote von 8,18, damit das drittbeste Stutfohlen Westfalens).

Bei den Stutfohlen fiel Doris von der Feenhöhe besonders auf. Die imposante, charakterstarke Indy-Tochter überzeugte mit 8,00 für das Exterieur, 8,10 für den Charakter und 8,00 für Gänge und Bewegungen. Ihre Mutter ist Dísa von der Feenhöhe (Fláki fra Lysholm x Dalia frá Hellu), die als Fohlen mit einer Gesamtnote von 8,15 bewertet wurde.

Gefolgt wurde sie von Sóley vom Stillenberg im Besitz von Franz Josef Kneer. Die Tochter des Þormar frá Prestsbæ erhielt eine Gesamtnote von 8,00.

Acht Fohlen also auch hier. Und wieder war auffällig, wie unterschiedlich die züchterischen Geschichten dahinter sind. Da stehen Hengste mit etablierter Nachzucht neben jungen oder farblich besonders interessanten Vätern; dazu kommen Stutenfamilien, die teilweise seit Jahrzehnten aufgebaut werden. Genau darin liegt der Reiz einer regionalen Fohlenreise. Man sieht nicht nur Fohlen. Man sieht Zuchtentscheidungen.

Was bleibt, wenn die Zahl nicht mehr reicht?

Eine Fohlenreise ist zwangsläufig eine Momentaufnahme. Das gilt für Handorf ebenso wie für Gütersloh. Ein Fohlen kann an diesem Tag mit viel Ausdruck über den Platz gehen und zwei Monate später völlig anders aussehen. Wachstum, Entwicklung des Gebäudes, Gangverteilung, Selbstvertrauen, gerade im ersten Lebensjahr verändert sich viel.

Deshalb sind die Zahlen interessant, aber sie sollten nicht zum alleinigen Gedächtnis einer Fohlenreise werden.

Spannender ist, welche Namen nach einigen Jahren wieder auftauchen. Ragnar vom Lindenhof liefert dafür auf der Feenhöhe bereits ein anschauliches Beispiel. Mehrere Jahrgänge haben gezeigt, dass seine Nachkommen in der Fohlenbeurteilung auffallen können. Hildur vom Eschhuesbach wiederum verbindet mit Óðinn vom Habichtswald und Hrefna vom Isterbergerhof zwei Linien, bei denen sportliche Eigenleistung und Zuchtgeschichte nicht erst beim Fohlen beginnen.

Und vielleicht ist genau das der Wert einer solchen Reise: Man sieht die Pferde, bevor sich ihre Geschichte entschieden hat.

Noch ist Rakni einfach ein sehr junger Braunschecke. Ívi ist der auffallend weiße Hengst, bei dem sich zunächst fast jeder nach der Farbe umdreht. Doris steht kraftvoll auf dem Platz und lässt ahnen, dass sie ihren eigenen Kopf mitbringt. Kári trägt einen Vater im Pedigree, dessen Nachzucht seit Jahren beobachtet wird. Hófur wiederum führt wiederum die erfolgreiche Isterbergerhoflinie fort.

Was daraus wird, entscheidet sich nicht im Sommer 2026.

Jungpferdebeurteilung Münster – Handorf

Vielleicht lohnt es sich deshalb, die Namen der Fohlen nicht nur in die Ergebnisliste zu schreiben, sondern sie sich zu merken. Und in drei Jahren noch einmal hinzuschauen. Eine gute Gelegenheit dafür bietet sich jedes Frühjahr im Westfälischen Pferdestammbuch in Münster-Handorf: Ende April steht dort die Jungpferdebeurteilung und Körung der drei- und vierjährigen Islandpferde auf dem Programm. Dann wird aus dem einstigen Fohlen erstmals ein richtiges Jungpferd und manches, was sich bei der Fohlenbeurteilung nur erahnen ließ, zeigt sich plötzlich sehr viel deutlicher oder wird bekräftigt.

Für Züchter ist dieser Termin deshalb mehr als ein weiterer Eintrag im Jahreskalender. Drei Jahre Aufzucht, Wachstum und Entwicklung liegen zwischen den beiden Auftritten. Jetzt geht es um Gebäude, Bewegungsqualität, Charakter und die Frage, wie sich die damalige Anpaarung tatsächlich entwickelt hat. Wer heute bei der Fohlenreise zuschaut, kann also durchaus schon ein kleines Lesezeichen setzen.

Das ist vielleicht die eigentliche Stärke einer Fohlenreise. Sie zwingt dazu, Zucht nicht ausschließlich über Endprodukte zu betrachten. Man sieht den Anfang. Noch bevor Bemuskelung, Ausbildung und Reitergewicht das Bild verändern, bevor ein Pferd gelernt hat, sich auf einer Bahn zu präsentieren. Natürlich ist auch die Fohlenbeurteilung eine Momentaufnahme. Manche Fohlen kommen mit viel Selbstverständlichkeit in die Halle oder auf den Platz, andere brauchen einige Runden, bis sie sich sortieren. Ein erfahrener Richter muss deshalb unterscheiden können zwischen dem, was gerade sichtbar ist, und dem, was sich möglicherweise erst entwickeln wird.

Für die Züchter ist diese öffentliche Momentaufnahme wertvoll. Man bekommt eine Rückmeldung zur eigenen Anpaarung, sieht die Nachzucht anderer Stuten und Hengste und kann die eigenen Eindrücke mit denen eines fachkundigen Richters abgleichen. Manchmal bestätigt die Zahl das, was man ohnehin gesehen hat. Manchmal nicht. Beides ist nützlich.

Die Fohlenreise Westfalen-Lippe 2026 zeigt dabei eine Region, in der Zucht nicht an einem einzigen Ort stattfindet und auch keine einheitliche Handschrift tragen muss. Von Bielefeld über Münster bis ins Sauerland liegen unterschiedliche Höfe, unterschiedliche Zuchtziele und unterschiedliche Vorstellungen davon, was ein gutes Islandfohlen ausmacht. Genau deshalb lohnt die Reise von Station zu Station.

Und vielleicht bleibt am Ende weniger die Frage hängen, welches Fohlen die höchste Note bekommen hat. Spannender ist, was aus diesen jungen Pferden in drei, vier oder fünf Jahren geworden sein wird. Dann beginnt nämlich die eigentliche Prüfung der Anpaarungen.

Wer den Überblick behalten möchte, kann hier alle Noten einsehen.

https://ticker.icetestng.com/event.cfm?id=29b7c7ad-e402-410d-bd058c6904b02255&lang=en_US: Fohlenreise 2026